Eine Anlagenstrategie oder eine Börsenstrategie sind ein systematisches Investitionsverhalten, mit dem nach zuvor festgelegten Gesetzen versucht wird, die Performance eines Vergleichsindizes zu schlagen. Ziel jeder Anlagestrategie bei Aktien ist also die Erwirtschaftung einer sogenannten Überrendite.

Eine sehr beliebte Anlagestrategie ist die Dividendenstrategie, von der es unterschiedliche Formen gibt.

Die Strategie ist mechanisch. Nach bestimmten Kriterien wird ausschließlich in Aktien eines Indexes investiert, die die höchsten aktuellen Dividendenrenditen aufweisen.

Andere Börsenkennzahlen oder betriebswirtschaftliche bzw. volkswirtschaftliche Daten spielen hingegen keine Rolle.

Wer bei einer Investition hingegen nur neben anderen Kriterien auch die Dividendenrendite berücksichtigt, der folgt nicht den strengen Regeln der Dividendenstrategie.

Der Artikel stellt die wichtigsten Dividendenstrategien dar und unterzieht sie einer kurzen kritischen Beurteilung.

Außerdem wird auf eine für Privatanleger geeignete Anlagestrategie des Value Experten Benjamin Graham hingewiesen, die als Vorläufer der relativ jungen Dividendenstrategien gilt.

Tipp: Die Anwendung bestimmter Börsenstrategien wie die Dividendenstrategie, die die Werthaltigkeit der Aktien weitgehend außer Acht lassen, sollte sich aus Gründen der Risikobegrenzung immer auf einen geringen Teil des Vermögens beschränken.

Die mechanische Anlagestrategie von Benjamin Graham

Graham entwickelte Mitte der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts die theoretischen Grundlagen für die fundamentale Aktienanalyse als Voraussetzung für die Value-Anlagestrategie. 1949 erschien sein Buch „The Intelligent Investor“.

In diesem Buch stellt er Aktienstrategien für private Investoren vor, die gleichzeitig das Verlustrisiko eingrenzen und vernünftige Renditen ermöglichen.

Nach Auffassung von Graham sind es vor allem zu krassen Fehlentscheidungen führende Emotionen wie Panik und Gier, die bei der Aktienanlage zur Vernichtung von Erträgen führen.

Diese Emotionen können mit einer mechanischen Aktienstrategie ausgeschlossen werden, bei der es keinen Entscheidungsspielraum gibt. Vielmehr müssen Anleger dieser Strategie sklavisch folgen.

Graham ging wohl zu Recht davon aus, dass Privatanleger regelmäßig weder die Instrumente zur Verfügung haben, noch über die Kenntnisse verfügen, um einzelne Unternehmen nach den Kennzahlen der Value-Theorie richtig zu beurteilen.

Er entwickelte deswegen eine Value-Aktienstrategie light für Privatanleger:

Grundlage ist der Dow-Jones-Index mit seinen 30 Werten.

Investiert wird in 10 Aktien mit dem niedrigsten KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis).

Die ausgewählten Aktien werden wenigstens ein Jahr, besser bis zu 5 Jahren gehalten.

Der Entwickler der Value-Theorie konnte statistisch nachweisen, dass über bestimmte Zeiträume der Vergangenheit hinweg bei Befolgung dieser Strategie gegenüber dem Dow-Jones-Index Überrenditen erwirtschaftet werden konnten.

Graham führte dies auf die Struktur der Aktienmärkte zurück, die bereits damals zu erkennen war. Modeaktien sind überbewertet, während langweilige aber solide Aktien unterbewertet sind.

Aktienkurse haben aber auf längere Sicht gesehen die Tendenz, sich dem inneren Wert des betreffenden Unternehmens anzupassen. Sind sie unterbewertet, werden die Aktienkurse über kurz oder lang überproportional steigen.

Graham ging davon aus, dass sich im Dow Jones überwiegend Substanzwerte befinden, deren Unterbewertung sich durch das geringe KGV manifestiert.

Aktien von großen, soliden marktbeherrschenden Unternehmen erholen sich in der Regel schneller als die Papiere kleinerer Gesellschaften. Zudem waren solide Dividenden bei kaum vorhandenem Verlustrisiko zu erwarten.

Das Vorhandensein eines übersichtlichen Indexes, in dem überwiegend Substanzwerte vertreten sind, ist allerdings der Schlüssel für den Erfolg dieser Strategie. Ebenso wie der Dow Jones hat der Dax 30 Aktienwerte.

Allerdings erfüllen lange nicht alle die Voraussetzungen, die Graham an Substanzwerte stellen würde.

Ob der Dax sich als Grundlage für die mechanische Anlagestrategie von Graham eignet, ist daher eher zu bezweifeln.

Warren Buffett, ein erfolgreicher Investor und Schüler von Graham, empfiehlt eine noch einfachere Anlagestrategie.

Privatanleger sollten von aktivem Stock Picking Abstand nehmen und lieber langfristig in passiv gemanagte Indexfonds (ETFs) investieren.

Low 5 Dividendenstrategie von O‘Higgens

Erst Anfang der 1990er Jahre wurde der Gedanke einer mechanischen Anlagestrategie weiter entwickelt, und es kam jetzt die Dividendenrendite in Spiel.

Erfinder der eigentlichen Dividendenstrategie ist der amerikanische Vermögensverwalter Michael O‘Higgens.

Der Vermögensverwalter fand aufgrund statistischer Erhebungen heraus, dass Aktien mit hoher Dividendenrendite in der Vergangenheit am besten abschnitten.

Außerdem waren Aktien mit einem niedrigen Börsenkurs volatiler. O‘Higgens konstruierte aus beiden Beobachtungen seine Low 5 Strategie, die später vom amerikanischen Magazin Barron‘s „Dogs of the Dow“ getauft wurde.

An einem bestimmten Stichtag werden die 10 Dow Jones Aktien mit der höchsten Dividendenrenditen herausgesucht.

Investiert wird in diejenigen 5 Aktien, die den optisch geringsten Kurs aufweisen. Einmal jährlich wird das Depot überprüft, und es findet gegebenenfalls eine Umschichtung statt.

Diese Strategie funktionierte zunächst gut in den USA, aber von Anfang an weniger gut in Europa. Nur beim Dax schien es zu klappen, und es konnte eine Überrendite erwirtschaftet werden.

Später zeigten statistische Erhebungen, dass die Dividendenstrategie von O‘Higgins nur in 50 % aller untersuchten Zeiträume funktioniert.

Einen 50 % Erfolg haben Anleger auch, wenn sie ihre Aktien mittels Münzenwurfs auswählen. Treffen die statistischen Untersuchungen zu, ist diese Dividendenstrategie im Grunde wertlos, jedenfalls mit Blick auf die Überrendite.

Dividendenstrategien von Robert Sheard

Robert Sheard versuchte die von O‘Higgins beschriebene Anlagestrategie zu verfeinern. Er entwickelte dabei mehrere, unterschiedliche Modelle.

O‘Higgins hatte bereits beobachtet, dass sich die Aktie mit dem niedrigsten Kurs am schlechtesten entwickelt. Offenbar benötigen diese Aktien wegen fundamentaler Defizite länger als ein Jahr, damit sich der Kurs wieder erholt.

Anders die Aktie mit dem zweitschlechtesten Kurs. Die Kursentwicklung dieser Aktien war nach den Beobachtungen von O‘Higgins besonders gut.

Beide Beobachtungen veranlassten Robert Sheard zu folgender Modifikation der O‘Higgins Theorie: die Aktie mit dem niedrigsten Kurs wird nicht mehr berücksichtigt.

Dafür wird die Aktie mit dem zweitniedrigsten Kurs doppelt gewichtet. Diese Modifikation wird als Low 4 Strategie bezeichnet.

Eine andere Weiterentwicklung von O‘Higgins ist die Low 2 Strategie.

Laut Sheard entwickelt sich statistisch gesehen die Aktie mit dem niedrigsten Kurs nur dann besonders schlecht, wenn sie gleichzeitig die höchste Dividendenrendite von allen 10 „Dogs of the Dow“ Aktien aufweist.

In diesem Fall wird diese Aktie überhaupt nicht berücksichtigt. Stattdessen werden die Aktien mit dem zweitniedrigsten und drittniedrigsten Kurs zu gleichen Teilen ins Depot übernommen.

Hat die Aktie mit dem niedrigsten Kurs hingegen nicht die höchste Dividendenrendite, wird sie zusammen mit der Aktie mit dem zweitniedrigsten Kurs zu gleichen Teilen gekauft.

Ein solches Depot besteht also immer aus 2 Aktien mit gleicher Gewichtung. Eine weitere Variante nimmt nur eine Aktie ins Depot, nämlich die mit dem zweitniedrigsten Aktienkurs.

Ebenso wie O‘Higgins schichtet Sheard jährlich zu einem festen Termin um.

Zeitliche Modifizierungen bei O‘Higgins und Sheard

Natürlich haben Aktienstrategen weitere Modifizierungen beider Dividendenstrategie in versucht.

Es gibt Studien darüber, was passiert, wenn Umschichtungen nur alle 2 Jahre, entweder in geraden oder in ungeraden Jahren erfolgt.

Andere Studien beschäftigen sich mit den Auswirkungen einer halbjährlichen Umschichtung.

Die Studien kommen wohl alle zu dem Ergebnis, dass zeitlich modifizierte Dividendenstrategien schlechtere Erträge erwirtschaften als die Ursprungsmodelle.

Bewertung und Kritik

Jeder Einschätzung von Anlagestrategien liegen Bewertungen nach subjektiven Maßstäben zu Grunde. Wiedergegeben wird hier die Meinung des Verfassers. Ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit wird in keiner Weise erhoben.

Mechanische Anlagestrategien wie Dividendenstrategien zwingen den Anleger zur Selbstdisziplin.

Ohne Selbstdisziplin gibt es keine erfolgreiche Aktienanlage. Die von O‘Higgins und Sheard vorgestellten Methoden sind unseres Erachtens nichts anderes als Regelwerke zur Spekulation, genauso wie es Regelwerke zum Pokerspiel gibt.

Unter den vorgegebenen Regeln können Anleger oder Spieler gewinnen oder verlieren.

Die Berufung auf Statistiken ändert daran nichts. Die Auswertung ist zeitabhängig. Ergebnisse sind manipulierbar, je nachdem für welchen Zeitraum die Daten erhoben werden.

Statistiken werten zudem Ereignisse der Vergangenheit aus, die in der Zukunft sich nicht zu wiederholen brauchen.

Ein drastisches Beispiel: Die letzte Finanzkrise ähnelt in ihren Auswirkungen ansatzweise der Börsenkrise aus dem Jahr 1929.

Die reinen Dividendenstrategien wurden in den 1990er Jahren entwickelt. Die zu ihrer Begründung herangeführten Statistiken werden kaum die Jahre nach 1929 berücksichtigt haben und konnten nicht die Jahre ab 2007 berücksichtigen.

Besonders aber im Jahr 2008 ist die O‘Higgins Methode gescheitert (Quelle: https://www.wiwo.de/finanzen/vorsorge/geldanlage-dividendenstrategien-bringen-nur-maessige-erfolge/5515418.html).

Bei einer Aktienauswahl nach O‘Higgins wäre ein Verlust in Höhe von 42 % eingetreten, während der Dax insgesamt nur ungefähr 39 % verloren hat. Bei anderen großen Indices wie Dow Jones oder Euro Stoxx sah das Ergebnis eher noch schlechter aus.

Werden die Dividendenstrategien beider Autoren strikt angewendet, hätte dieser Verlust realisiert werden müssen – vor dem Hintergrund späterer erheblicher Kursgewinne eher eine unsinnige Aktion.

Die in den dreißiger Jahren entwickelte Methode von Graham ist keine reine Spekulationsanleitung.

Sie enthält Merkmale der Value Strategie. Allerdings arbeitet diese Methode mit einer doppelten Unterstellung:

In den führenden Aktienindices sind nur Substanzwerte enthalten und ein niedriges KGV deutet deshalb auf eine Unterbewertung hin, die eine besondere Kursrallye erwarten lässt.

Diese Voraussetzungen mögen auf den Dow Jones zugetroffen haben, als Graham seine Theorie entwickelte.

Es gab aber auch Zeiten, in denen dies keinesfalls so war. Schon gar nicht gilt dies für den Dax, der nach den Kriterien der Value Strategie nur wenige echte Substanzwerte enthält.

Dennoch ist die Graham Methode als Anleitung für Privatanleger noch am ehesten geeignet.

Eine Aufteilung des Depots auf zehn Aktien eines Indexes sorgt für eine bessere Risikostreuung als bei fünf oder gar zwei Aktien oder nur einer Aktie.

Und bei einer Haltedauer von bis zu 5 Jahren können unnötige Umschichtungen vermieden werden, und es können schlechte Börsenzeiten ausgesessen werden. Sie teilt jedoch einige Schwächen mit den anderen beiden Dividendenstrategien.

So ist es mit einer solchen Strategie nicht möglich, ein nach Branchen und Regionen ausgeglichenes Depot aufzubauen.

Niedrige KGVs oder hohe Dividendenrenditen sprechen keinesfalls immer für die Qualität der Aktien.

Sie können das Gegenteil aussagen. Eine hohe Dividendenrendite (Dividende in Relation zum aktuellen Aktienkurs) kann auch durch gerechtfertigte Kurseinbrüche entstehen.

ETFs und Fonds

Nach dem Zusammenbruch der Technologieblase hat sich die Finanzwirtschaft darauf besonnen, dass die Performance nicht nur aus Kursgewinnen, sondern zu einem guten Teil auch aus Dividenden besteht.

Deswegen wurden eine Reihe von Dividendenfonds aufgelegt, die nach unterschiedlichen Kriterien ausschließlich in dividendenstarke Aktien investieren.

Diese Fonds haben unseres Erachtens dieselben Schwächen, die bei einer allein unter Dividendengesichtspunkten durchgeführten Investition in Einzelaktien bestehen.

Zusätzlich vernichten die durch aktives Management entstehenden Kosten Rendite. Wenige Fonds erwirtschaften tatsächlich die angestrebte Überrendite.

Eine Variante sind sogenannte „Income-Fonds“ mit fester Ausschüttung. Manche dieser Dividendenfonds sichern ihre Einkünfte mit Call-Optionen ab, um das Verlustrisiko allerdings auf Kosten der Performance in Grenzen zu halten.

Bei Income-Fonds ist die Quelle der Ausschüttungen von Bedeutung.

Die Ausschüttungen können aus den Erträgen stammen, oder es kann Kapital abgebaut werden.

Wer sich zur Investition in solche Fonds entschließt, sollte darauf achten, dass die Ausschüttungsrendite nicht höher als die Einkommensrendite ist.

Dividenden-ETFs sind nach unserer Meinung die bessere Investitionsmöglichkeit für Privatanleger.

Diese passiv gemanagten Finanzprodukte bilden bestimmte Indices ab, die Aktien mit hohen Dividenden aus einem bestimmten Aktienindex enthalten. Ein Beispiel ist der MSCI High Dividend Yield.

Dividendenstrategie vs Value Investing

Streng genommen schließt die Dividendenstrategie eine Aktienanlage nach Valuegesichtspunkten aus, weil allein die Dividendenrendite entscheidet.

Die Dividende ist aber nur ein Gesichtspunkt, um den inneren Wert einer Aktie zu bestimmen.

Langfristig ist die Value-Strategie der Dividendenstrategie immer überlegen.

Wer Qualitätsaktien findet, die nach ihrem inneren Wert deutlich unterbewertet sind, der wird auf lange Sicht überdurchschnittliche Renditen einfahren, jedenfalls wenn das aus Qualitätsaktien bestehende Depot gut diversifiziert ist.

Möglich ist natürlich, bei der Investition in Qualitätsaktien nach der Value Strategie Dividendengesichtspunkte zu berücksichtigen.

In einem ersten Schritt wird eine Liste unterbewerteter Qualitätsaktien aufgestellt. Sodann werden die ausgewählten Aktien nach Branchen und Regionen geordnet.

Investiert wird in 10 bis 20 Qualitätsaktien unterschiedlicher Branchen und Regionen, die jeweils die höchste aktuelle Dividendenrendite aufweisen.

Wer so vorgeht, wird allerdings feststellen, dass besonders hohe Dividendenrenditen vornehmlich in bestimmten Branchen anfallen:

Banken, Versicherungen und Energie (Öl). Eine befriedigende Branchenmischung ist deshalb nicht so einfach zu erreichen.

Der beste Ratschlag stammt vielleicht von Warren Buffett.

Privatanleger sollten ihre Anlageentscheidung nicht von der Höhe der Dividendenrendite abhängig machen, sondern einfach in einen großen Aktienindex wie den MSCI World, Dow Jones oder S&P 500 investieren.